Killerkartoffeln!

http://www.zin.ru/animalia/coleoptera/eng/lepdecl1.htm

Larven des Kartoffelkäfers Leptinotarsa decemlineata. Foto: Dr. Sci. A.G. Kirejtshuk

Wenn morgen alle Erdenbürger beschließen, europäische Essgewohnheiten anzunehmen, haben wir unseren Planeten in zwei, drei Monaten kahlgefressen und können uns alle die Kugel geben. Das ist natürlich eine drastische und noch dazu unrealistische Prognose, denn das wird nicht morgen passieren. Sondern schleichend innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Vielleicht halten wir es auch noch ein bisschen länger aus, aber dieser Planet kann uns definitiv nicht alle ernähren. Wir müssten viel weniger Fleisch essen und damit klarkommen, dass Supermärkte nicht alles in Hülle und Fülle anbieten, sondern die Regale abends leer sind, weil nur so viel angeboten wird, wie tatsächlich konsumiert werden kann. Und vor allem müssen wir uns von der Idee verabschieden, keine genmanipulierte Nahrung zu uns nehmen zu wollen. Wenn die Weltbevölkerung weiter wächst – und das wird sie allem Anschein nach – und die Welt sich fortschreitend industrialisiert, MÜSSEN wir Pflanzen anbauen, die uns besser ernähren können: Mehr Erträge auf kleinerer Fläche, eingebaute Schädlingsresistenzen, etc. Beim Thema genmanipuliertes Gemüse heißt es dann „Friss oder stirb“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Aber alle sind dagegen, und zwar total.

Das Problem ist in meinen Augen, dass viele Leute gar nicht wissen, was „genmanipuliert“ bedeutet. Das Wort hat in den letzten Jahren einen extrem negativen Ruf bekommen, vor allem durch einseitige Medienberichte und politische Propaganda. Jawoll, ich nenne das Propaganda. Also jetzt mal ganz von vorne, ohne politische Absichten: Was ist Genmanipulation?

Erstens: Gene sind nicht böse. Und ein Bioladen, der sich als „Genfreie Zone“ bezeichnet, dürfte eigentlich nur Steine verkaufen (in jedem Falle müssten den Besitzern solcher Läden wegen gefährlicher Dummheit sofort die Lizenz zum Verkauf von Lebensmitteln entzogen werden). Gene kommen nämlich in allen Lebewesen vor. Sie liegen auf unserer Erbinformation, der DNA, und jedes von ihnen ist eine Art Bauanleitung für einen Eiweißstoff in unserem Körper. Das Keratin unserer Haare und Fingernägel ist so ein Eiweißstoff, ebenso die Enzyme in unserem Magen, die unser Essen verdauen. Damit unser Körper (und der jedes anderen Lebewesens) weiß, wie genau jeder Eiweißstoff aussehen muss, damit er richtig arbeiten kann, muss es irgendwo einen Bauplan dafür geben. Und dieser Bauplan ist eben ein Gen. Gene bestimmen also, wie wir aussehen und wie all unsere Zellen und Organe arbeiten. Fazit: Ohne Gene kein Leben.

Manche Lebewesen haben Gene, die ihnen besondere Eigenschaften geben – einige Meerestiere können z.B. im Dunkeln leuchten, weil sie ein Gen haben, das den Bauplan ist für einen leuchtenden Eiweißstoff enthält. Einige Pflanzen wiederum sind naturgemäß resistent gegen bestimmte Stoffe im Boden, die für andere Pflanzen giftig sind.

„Genmanipulation“ bedeutet nun, dass man Gene in einem Lebewesen gezielt verändert. Man kann bestimmte Gene aus anderen Lebewesen einfügen oder Gene löschen. Man kann auch verändern, wann und wo der Bauplan des Gens abgelesen wird und damit beeinflussen, wie viel von einem bestimmten Eiweißstoff produziert wird. Damit kann man beispielsweise Pflanzen gegen Schädlinge resistent machen oder die Erträge pro Hektar vergrößern.

Einen bedeutenden Vorstoß im Bereich der Schädlingsresistenz haben Wissenschaftler um Ralph Bock am Max Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam gemacht. Ihnen gelang es, Kartoffelpflanzen eine genetische Resistenz gegen ihren ärgsten Feind, den Kartoffelkäfer zu verleihen. Der stammt aus den USA und wurde im 19. Jahrhundert nach Europa eingeschleppt. Da er hier nicht beheimatet war, gab es auch keine Fressfeinde. So konnte er schnell zur Plage werden und vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts erhebliche Anteile der Kartoffelbestände vernichten. Man bekämpfte ihn mit Arsen (fies giftig für Menschen) und später dem berühmt-berüchtigten DDT und anderen Insektiziden. Das Problem dabei ist, dass Insektizide alle Insekten abtöten, auch wichtige Bestäuber wie Bienen und Schmetterlinge. Zum anderen entwickelt der Kartoffelkäfer ungewöhnlich schnell Resistenzen gegen solche Bekämpfungsmittel, sodass diese schon nach einigen Jahren ihre Wirksamkeit verlieren. Dann muss man entweder mehr sprühen oder etwas Neues finden.

Ganz andere Wege ohne Chemikalien haben nun also Ralph Bock und seine Kollegen gefunden: Sie gaben der Kartoffelpflanze ein Gen, dass Bauplan für etwas Besonderes ist: Keinen Eiweißstoff, sondern eine RNA. RNA ist ein Molekül, das andere Gene beeinflussen kann. Eine spezifische RNA sorgt dafür, dass ein ganz bestimmtes Gen ausgeschaltet wird und damit der Eiweißstoff von diesem Gen nicht mehr produziert werden kann. Die Kartoffelpflanze produziert nun also diese RNA, die dann vom Käfer gefressen wird. Wenn dann die RNA in die Zellen des Käfers gelangt, kann sie dort ein Gen ausschalten, das für den Käfer überlebenswichtig ist. Und, tadaa, Käfer tot, Problem gelöst. Ohne giftige Chemikalien. Jetzt kommt natürlich der Aufschrei: Aber was, wenn diese RNA auch im Menschen ein Gen stört? Keine Angst, liebe Leute, auch daran wurde gedacht: diese RNA wird nur in den Blättern der Kartoffelpflanze produziert. Die essen wir überhaupt nicht, der Käfer jedoch frisst nur die.

Mir persönlich gibt das Hoffnung. Und dieses ist nur eines der Beispiele, wie klug geplante Genmanipulation uns helfen kann, die Welt in Zukunft ernähren zu können, ohne dabei die Umwelt zu zerstören. Es ist wirklich ein Jammer, dass einige große Agrarfirmen mit aggressiven Vermarktungsstrategien einem so wichtigen Wissenschaftszweig einen schlechten Ruf verpassen. Ich kann dazu nur sagen: Informiert euch! Verteufelt nicht alles, nur weil das Wort „Gen“ darin vorkommt! Wisst, worüber ihr sprecht! Wir wollen alle Menschen ernähren. Wir wollen keine Gifte auf die Felder sprühen. Aber gegen die einzige verfügbare Lösung gehen wir ebenso auf die Straße wie in den Siebzigern gegen DDT? Das ist nicht logisch, Leute. Gentechnik ist nicht per se schlecht, sie kann sogar extrem gut sein. Es liegt immer daran, wie wir sie einsetzen. Lasst euch nicht blind machen von Umweltschützerverbänden, die mit inhaltslosen Parolen Sand in die Augen des Verbrauchers streuen. Wenn ihr euch stark machen wollt, dann für einen wirtschaftlich und moralisch sinnvollen Einsatz von Gentechnik, denn sie kann uns unglaublich helfen.