Affen, die Gedanken lesen

Streiche spielen – eine beliebte Beschäftigung bei Kindern. Zum Beispiel Sachen verstecken, die den Eltern irgendwie wichtig zu sein scheinen (Geldbörse, Autoschlüssel, sich selbst) und sich dann einen abfreuen, wenn die Eltern panisch danach suchen: “Hier hatte ich es doch hingelegt!” So nervig solche Situationen sein können – man sollte doch die Leistung des kindlichen Gehirns würdigen, die dahintersteckt. Um jemandem einen Streich zu spielen, muss man sich nämlich in ihn hineinversetzen können – die Welt durch die Augen des anderen sehen, um vorhersagen zu können, dass derjenige eine amüsante Reaktion zeigen wird. Nur sehr wenige Tiere können sich in ihr Gegenüber hineinversetzten – wir Menschen gehören dazu, aber auch viele Affen.

In dem Versuch, der in diesem Video der Wissenschaftszeitschrift Science gezeigt wird, beobachten verschiedene Menschenaffen (Schimpansen, Orang-Utans und Bonobos) eine Szene, die von Menschen gespielt wird. Dabei verfolgen Wissenschaftler die Augenbewegungen der Affen, um zu sehen, wo sie während der Szene hinschauen. Damit die Tiere dabei ihren Kopf möglichst stillhalten, ist direkt vor ihnen ein Trinkhalm installiert, aus dem Orangensaft tröpfelt.

Eine der Szenen läuft wie folgt ab: Ein Mensch hat einen Pflasterstein, im Raum liegen außerdem zwei umgestülpte Kartons. Ein als Affe verkleideter Mensch kommt hinzu und ist sehr aufgeregt über den Stein (dieser Part ist wohl dazu da, dem beobachtenden Menschenaffen klarzumachen, das der Stein sehr wichtig ist – so wie die Geldbörse für Papa wichtig ist, und daher ein attraktives “Streichspielobjekt”). Dann versteckt der Verkleidete den Stein im Beisein des Menschen unter dem linken Karton. Der Mensch verlässt den Raum – woraufhin der Verkleidete den Stein erst unter den rechten Karton legt, dann ganz wegnimmt und den Raum verlässt. Der Mensch kommt zurück, um den Stein zu holen, und nun passiert etwas interessantes: Der beobachtende Menschenaffe schaut zum linken Karton, wo der Stein ja nicht mehr ist. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass der Affe sich in die Perspektive des Menschen hineinversetzen kann. Denn obwohl der Menschenaffe weiß, dass es das falsche Versteck ist, nimmt er an, dass der Mensch dort nachsieht – der weiß es schließlich nicht besser.

Auch andere Primaten zeigen eine gewisse Fähigkeit, die Gedanken ihrer Artgenossen nachzuvollziehen. In diesem Video aus der Doku “Clever Monkeys” des britischen Senders BBC nutzt ein Kapuzineraffe den Alarmschrei, der seine Kollegen eigenltich vor Fressfeinden warnen soll, um sie alle in die Flucht zu jagen – und dann das beste Futter für sich alleine zu haben. Dank der strengen Hierarchien bei Kapuzineraffen wird ihm das nämlich normalerweise von Ranghöheren abgenommen. (Der Sprecher in dieser Doku ist übrigens einer meiner persönlichen Helden: David Attenborough, ein britischer Naturforscher, der seit vielen Jahrzehnten an wundervollen und informativen Naturdokumentationen mitwirkt. In Deutschland werden die meist im ZDF ausgestrahlt, allerdings natürlich mit einem Synchronsprecher.)

Vor einigen Jahren habe ich eine deutsche Doku über die kindliche Gehirnentwicklung gesehen, wo ein ähnliches Experiment mit Kindern verschiedenen Alters durchgeführt wurde: Im Beisein des Kindes und seiner Mutter wurde ein Malstift in einem Karton versteckt. Dann verließ die Mutter den Raum und der Versuchsleiter nahm den Stift aus dem Karton und versteckte ihn woanders. Das Kind sah das. Der Versuchsleiter fragte dann das Kind, wo Mama den Stift suchen würde, wenn sie wieder hineinkam. Kinder über vier Jahre sagten, sie würde im Karton suchen, wo die den Stift ja zuletzt gesehen hatte. Jüngere Kinder aber glaubten, sie würde im zweiten Versteck suchen – sie konnten sich noch nicht in die Perspektive ihre Mutter hineinversetzen. (Leider weiß ich nicht mehr, wie diese Sendung hieß und finde auch das Video nicht.)

Wenn eure Kiddies sich also gegenseitig mit der Sandkastenschaufel verkloppen, liegt es nicht daran, dass sie kleine Teufelsbratzen sind. Ihr Gehirn hat schlichtweg die Verbindungen noch nicht geknüpft, die dafür zuständig sind, die Welt durch die Augen des Gegenübers zu sehen.